Variations 23 Abstracts

Tanz / Danse / Dance

Miriam Fischer-Geboers: Philosophie des Tanzes. Stéphane Mallarmés und Paul Valérys Ästhetik(en) des Performativen

Der Aufsatz Philosophie des Tanzes. Stéphane Mallarmés und Paul Valérys Ästhetik(en) des Performativen zeigt auf, dass Mallarmé und Valéry nicht nur ihre Theorie der poésie pure, sondern ihre gesamte Ästhetik und Philosophie der Künste in enger Auseinandersetzung mit dem Tanzgeschehen der Avantgarde entwickelten. Der erste Teil widmet sich Mallarmés Ästhetik der idée corporée, die Mallarmé in zwei Tanzkritiken ausformuliert. Der zweite Teil befasst sich mit Valérys physiologie ésthétique bzw. mit seiner Ästhetik der action, die eng an Mallarmés Vorgaben anknüpft. Alain Badiou und Giorgio Agamben beziehen sich in ihren ästhetischen Theorien auf die Denker der Avantgarde. Der letzte Teil erläutert deren postmoderne Aus- bzw. Weiterführungen einer Philosophie des Tanzes.

Rita Rieger: L’Âme et la Danse : Littérature et danse comme événement d’entre-espace


Cet article étudie la rhétorique de la danse et ses différentes figurations dans L’Âme et la Danse pour illustrer la littérature comme événement d’entre-espace où convergent l’acte d’écrire, de lire et de sentir. Partant de la notion de ‹figure›, il aboutit au caractère gestuel de la danse textuelle, qu’on peut trouver dans l’interaction des niveaux sémantique, phonétique, et structurel en même temps qu’au plan intellectuel et sensible du dialogue. L’article met l’accent sur le mouvement comme élément constitutif de la création et de l’actualisation du texte ce qui permet de transformer la littérature en événement par l’intermédiaire de l’émotion esthétique.

Georges Felten: (Um-)Wendung. Pas de deux von Poesie und Prosa in Gottfried Kellers „Das Tanzlegendchen“


Im Rückgriff auf das Oppositionspaar von Tanzen und Gehen trägt Kellers „Tanzlegendchen“ den für den literarischen Realismus zentralen Konflikt von Poesie und Prosa aus. Indem der Text die christliche Heilsbotschaft gegen den Strich bürstet, stellt er der Vertagung des Tanzes / der Poesie den Anspruch entgegen, diese als Pas de deux mit der Prosa in seinem Hier und Jetzt zu realisieren. Über die Bewegungen seiner Wort- und Sinnfiguren, die der Materialität der Signifikanten und deren konstitutiver Mehrdeutigkeit mehr trauen als eindeutigen Sinnversprechungen, instituiert der Text den Tanz performativ zur Lesefigur und vollzieht auf vielfältige Weise im Darstellungsmedium der Prosa den Grundgestus der Poesie: die versura.

Christine Falk: Getanzte line of beauty. Soziographische Perspektiven der Contretanz- Szenerie in romantheoretischen Überlegungen Theodor Fontanes


Der Artikel geht den poetologischen Implikationen der Contretanz-Szenerie nach, mit der Theodor Fontane 1855 seinen Lektüre-Eindruck von Gustav Freytags Roman Soll und Haben vergleicht. Deren Unterschiede zu Postulaten der zeitgenössischen Realismusprogrammatik lassen sich im Rückgang auf den Konnex von Contretanz und der Kunsttheorie der line of beauty bei William Hogarth genauer fassen als Plädoyer für arabeske Romantexturen, die insofern ‚realistisch‘ sind, als sie Einsichten in soziale Erscheinungen der Zeit vermitteln und zugleich die artistischen Produktionsbedingungen dieser Einsichten aufzeigen.

Juliette Loesch: “One Might Fancy She Was Dancing”. Dancing/Writing Femininity in Oscar Wilde’s Salome


Although the pivotal “dance of the seven veils” is announced but not represented in Oscar Wilde’s Salome, the play imitates the movement of dance as it unfolds through repetitions that circle around Salome and concludes in a soliloquy locating her intimate self in language, which allows the heroine to move from a teasing bodily presence to a speaking woman. However, the macabre reward of the dancer, the Baptist’s severed head, suggests a more ambiguous reading of gender roles in the play where Salome is both enabled by the play’s movement through performance and bound to its power structures.

Frank Reza Links: La poïétique de la chorégraphie. Ramón Gómez de la Serna et la textualisation de la danse

Le présent article étudie les différentes manières dont la danse est représentée dans l’œuvre de jeunesse de Ramón Gómez de la Serna et interroge dans quelle mesure nous pouvons en dresser une poïétique de la chorégraphie, ce que nous appelons une ‹textualisation› de la danse. Dans cette optique, notre étude du corpus sélectionné se fonde sur trois piliers fondamentaux : l’interaction entre rythme dansé et rythme textuel, l’articulation du corps (dés-)humanisé et la représentation du féminin dans la danse.

Paul Strohmaier: Les possibles du corps. « La Jeune Parque » et la danse

Valéry souligne maintes fois l’étroite parenté entre poésie et danse, ce dont témoignent plusieurs écrits littéraires et théoriques consacrés à la danse. Cet article propose donc de comprendre un de ses poèmes majeurs, « La Jeune Parque », comme orchestration complexe d’une danse lyrique, interprétation sous-tendue en plus par la pensée valéryenne sur le corps, le rêve et les possibles exposée dans les Cahiers. Pour la jeune Parque et tout autant pour Valéry, la danse révèle la structure ouverte du réel où le corps à son tour devient une source de possibles.

Helga G. Braunbeck: Im Sprung über Prag. Tanz, Identität und Literaturballett im Werk Libuše Moníkovás


Die auf Deutsch schreibende Prager Autorin Libuše Moníková (1945–1998) setzt in ihren Erzählungen das Motiv des Tanzes ein, um die Selbstbehauptung individueller Figuren zu demonstrieren, um ethnische Zugehörigkeiten zu diskutieren, und über die hohe Kunstform des neoklassizistischen Balletts intermediale Bezüge zwischen Musik, Tanz und Literatur zu gestalten. Stepptanz, Trampeltanz, Volkstanz, höfischer Schreittanz, und schliesslich die Choreographie von Literaturballett und das Bild des dynamischen Sprungs zeugen immer auch vom transfigurativen Potential dieses ästhetischen Ausdrucksmediums.

Alexander Schwan: Schein-Schriftzeichen. Kritische Gedanken zur Vergleichbarkeit von Kalligraphie und Tanz

Der Beitrag nähert sich diskursanalytisch dem Verhältnis von Tanz und Kalligraphie und konzentriert sich auf die Bedeutung der Imagination für die Wahrnehmung von Tanz und Schrift. Kritisch beleuchtet wird die Rolle, die der Erfüllung von Bewegungsvorschriften insbesondere für die Analogie von chinesischer Tuschschrift und Tanz historisch zugewiesen wurde. Als Alternative zu dieser nomistischen Engführung führt der Text die Kategorie der körperlichen Responsivität ein, in der sich die Wahrnehmungen von Tanz und Schrift als jeweils kinästhetische Rezeptionen treffen.

Marc Caduff: Choreographie des Widerstandes. Zu William Forsythes Performance-Installation Human Writes


William Forsythes Performance-Installation Human Writes setzt sich, wie ein Blick auf die kontroverse Geschichte von Tanzschriften zeigt, in selbstreflexiver Weise mit medialen Übertragungsprozessen zwischen Tanz und Schrift auseinander. Im Zentrum dabei steht das Gesetz einer indirekten Übertragung; d.h. die Tänzer versuchen Artikel aus der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ nachzuschreiben, werden aber von sich selbst auferlegten Widerständen zugleich daran gehindert. Mit dieser Verschränkung von Körper und Schrift angesichts grammatischer Gesetze erzeugt die Choreo-Graphie von Human Writes produktive Reibungen und wirft in seiner Insistenz nicht zuletzt kritische, politische Fragen auf.