Variations 20 Abstracts

Musik und Literatur / Musique et littérature / Music and Literature

Hans-Jost Frey: Mallarmé über Sprache und Musik

Bei der Frage nach der Unterscheidung von Musik und Sprache zeigt sich in Mallarmés Texten, dass dieser das Wort Musik auf zwei Arten verwendet. Im engeren Sinne ist damit die Tonkunst gemeint, im weiteren Sinne eine Ganzheit der in allem existierenden Beziehungen, womit die Musik der Dichter gemeint ist, die derjenigen der Musiker überlegen ist, da sie zu sich selbst in Beziehung treten kann.

Arnaud Buchs : Écrire la musique. Baudelaire face à Wagner

Baudelaire a consacré un seul essai à la musique, dans les dernières années de sa vie. Cet essai porte sur un unique compositeur, Richard Wagner, à une époque où l'esthétique du regard du poète est déjà formée depuis longtemps. De plus, Baudelaire « ne sait pas la musique », comme il l'écrit lui-même au musicien dans une longue lettre. Et pourtant, l'essai sur Wagner s'inscrit parfaitement dans les textes critiques de Baudelaire consacrés à l'art : l'image et l'imagination tiennent lieu, ici aussi, de modèles épistémologiques. La méconnaissance du langage musical est ainsi rachetée par la connaissance de l'image – mais la connaissance de l'image, de sa dimension scripturale, demeure quant à elle impensée. Ce point aveugle caractérise ce que l'on peut appeler l'esthétique de la Modernité.

Monika Kasper: Schwestern oder Rivalinnen? Musik und Poesie in Gerard Manley Hopkins' Gedicht «Henry Purcell»

Im Sonett „Henry Purcell“ sucht Gerard Manley Hopkins durch die Imitation musikalischer Techniken des barocken Komponisten nach Wegen, seine dichterische Sprache zu erweitern. Entgegen dem ers­ten Anschein geht es ihm aber nicht nur darum, mit seiner Dichtung der Musik nachzueifern, sondern auch um die Verwirklichung eines performativen Konzepts von Sinn und Bedeutung, mit dem er die Überlegenheit der Dichtkunst über die Musik behauptet.

Sebastian Kaufmann: «Da schwebt hervor Musik mit Engelsschwingen». Das Verhältnis von Dichtung und Musik in Goethes Trilogie der Leidenschaft

Goethes Trilogie der Leidenschaft thematisiert nicht nur das Liebesleid eines alten Dichters, sondern verbindet hiermit zugleich eine ästhetische Reflexion auf das Verhältnis von Poesie und Musik. Erscheint dabei zunächst noch die Dichtung als probates Mittel der Leidbewältigung, so führt die „Trilogie“ in ihrem weiteren Verlauf jedoch das Scheitern dieser poetischen Autotherapie vor, um schliesslich die ‚Heilung‘ durch die andere Kunstgattung der Musik darzustellen. In Annäherung an die romantische Musikästhetik gestaltet der späte Goethe so im Medium der Lyrik die Überlegenheit der Ton- über die Dichtkunst.

Johannes Riquet: «How Shall We Find the Concord of this Discord?» Music, Magic and Ideology in A Midsummer Night's Dream

Interpretations of A Midsummer Night’s Dream often focus on sight and visuality. Yet music is equally pervasive in this play. Drawing on Renaissance philosophy of music, this paper argues that the diegetic music and musical metaphors employed both mask ideol­ogy as aesthetics and expose the dissonances underlying the apparently harmonious comic resolution. An analysis of the play’s music thus enables an understanding of the link between Oberon’s magic and Theseus’ patriarchal law; it is through the slipperiness and excess of music that the violence underlying the latter is disguised and revealed.

Janine Firges: Schiller und das crescendo. Eine musikalische Dynamik als Figur der dramatischen Steigerung in den Räubern

Im Laufe des 18. Jahrhunderts kommt es zu einer entscheidenden Veränderung in der musikalischen Dynamik, die sich besonders anhand der musikalischen Figur des crescendo nachweisen lässt: Diese Figur der ‚Allmählichkeit’ bzw. des ‚Anschwellens’ löst vorherige Modelle der ‚stufenweisen’ Steigerung ab. Auch im Drama des 18. Jahrhunderts spielen solche mimetischen Modelle eine wichtige Rolle, was anhand von Friedrich Schillers Räubern gezeigt werden kann.

Amanda Baghdassarians: Die italienische Oper Giuseppe Verdis als wirkungsästhetisches Prinzip in Franz Werfels Poetologie

Franz Werfels Leidenschaft für die Musik, insbesondere für die italienische Oper Verdis findet sowohl inhaltlich als auch formal Eingang in sein literarisches Schaffen als Lyriker, Dramatiker und Romancier. Werfels Wirkungsästhetik orientiert sich am sinnlichen Vergnügen, so dass Klang und Rhythmus wesentlich den Inhalt seiner Lyrik bestimmen und in seinen Dramen das Balladeske dominiert. In den 1920er Jahren wird für Werfel die Verdi Oper zur ästhetischen Ausrichtung für eine Romanform der „Sinnlichkeit“, die er in seinem Debütroman Verdi. Roman einer Oper (1924) experimentell umsetzt.

Clemens Götze: Musikschreiben oder Das musikalische Versatzstück und die Kunst des Scheiterns. Beobachtungen zu einem Motivkomplex bei Thomas Bernhard

Schon die frühen Dramen Thomas Bernhards zeigen den Topos des scheiternden Geistesmenschen, den die Musik zugrunde richtet, in­dem diese als komplexe, lebensbedrohliche Falle erscheint. Jene Figurenkonstellationen sind geprägt von Machtkämpfen, einem eklatanten Perfektionsstreben und dem Willen, Kunst und Menschen zu beherrschen, was in die gesellschaftliche und emotionale Isolation führt. Macht und Gewalt sind prägende Konstituenten in Bernhards Musikreflexion, die vornehmlich als stichwortartig-assoziatives Versatzstück erscheint und erst in Beton eine positive Konnotation erfährt.

Marcin Stawiarski : Fugue et identité. Effets iconiques de la forme musicale en littérature

Cet article aborde la notion d’effets iconiques produits par l’emploi de la forme musicale dans trois romans anglophones : Changelings de Tom Marshall (1991), Blood Fugues d’Edgardo Vega Yunqué (2005) et Thirteen Fugues de Jennifer Natalya Fink (2011). Il s’agit de soutenir l’idée selon laquelle la présence musicale dans les textes littéraires passe forcément par des processus iconiques qui sont de l’ordre de l’analogie, de la métaphore ou du symbole. Dans les textes étudiés, cette métaphoricité est associée à la quête d’identité, au parcours initiatique et au trouble dissociatif de l’identité. Il est d’abord question d’expliciter les contenus iconiques de la fugue. Puis, il s’agit d’examiner certains phénomènes narratifs afin de démontrer que la musicalisation de la fiction, elle aussi, est tributaire de la logique iconique.

Michelle Witen: The Sound of «Sirens». Joyce's Fuga Per Canonem and Absolute Music

Beginning with an historical analysis of the fugue and its place in late nineteenth and early twentieth-century musicology, this article examines James Joyce’s claims of having written the “Sirens” episode of Ulysses as a fuga per canonem. Keeping in mind that the fugue was considered to be the highest form of absolute music at the time that Joyce was writing “Sirens,” this article establishes that Joyce’s implementation of the fugue is in keeping with the spirit of absolute music in that structure and effect are granted equal importance.

Marco Baschera: Übersetzung als Sprachpraxis und Denkform. Überlegungen zur Theorie des interkulturellen Dialogs von François Jullien

Der französische Sinologe und Philosoph François Jullien beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Problem des interkulturellen Dialogs. In diesem Zusammenhang hat sich ihm die Frage nach einem alle Kulturen gemeinsamen Universellen gestellt, welches einen solchen Dialog begründen könnte. Dabei unterscheidet er zwischen dem Universellen, dem Uniformen und dem Gemeinschaftlichen (le commun). In der heute vorherrschenden Globalisierung dominieren vor allem das Uniforme und die damit verbundene Standardisierung der Kulturen. Ihm setzt Jullien eine Verbindung von Universellem und Gemeinschaftlichem entgegen, in welchem die Übersetzung als Sprachpraxis und als kritische Denkform eine entscheidende Rolle spielt.

Franziska Struzek-Krähenbühl: «Repeat that, repeat». Der Zauber der Wiederholung bei Herder und Hopkins 

Johann Gottfried Herder bestimmt das Moment der Wiederholung als Inbegriff des Poetischen und für Gerhard Manley Hopkins ist der Ausdruck der poetischen Sprache mit ihren Wiederholungen stärker als die der gewöhnlichen Rede- oder Schreibweise. Doch Wieder­holungen bewirken nicht nur eine Sinnverstärkung, sondern auch eine Sinnentleerung, indem sie auf das Sprachmaterial selbst aufmerksam machen. Diese doppelte und widersprüchliche Wir­kung der Wiederholung zieht eine dritte, epiphantische nach sich, was den Zauber der Wiederholung ausmacht.