Variations 18 - Abstracts

Rätsel / Énigmes / Riddles

Doren Wohlleben: Obscuritas und Curiositas. Das Rätsel als neuzeitliche Denkform mit Blick auf Francis Bacons Weisheit der Alten (De sapientia veterum, 1609)

In der Frühen Neuzeit stellt das Rätsel eine paradoxale Kippfigur zwischen (mittelalterlichem) Verschleiern und (aufklärerischem) Enthüllen dar. Das aufkommende Lösungsparadigma grenzt sich ab von einer seit der Antike dominanten Amalgamierung des Rätsels mit dem dunklen Sprechen (obscuritas) und weist Parallelen zu dem Konzept theoretischer Neugierde (curiositas) auf. Francis Bacons Mythenallegoresen De sapientia veterum (1609), die zugleich als eine Hermeneutik und Meta-Poetik des Rätsels gelesen werden können, zeichnen diesen Umschlagpunkt auch auf formaler Ebene nach.

Martin Mittelmeier: Welterlösende Bilderrätsel und andere Ungeheuerlichkeiten. Das Rebus in Theodor W. Adornos Philosophie

Seltsame Bilder, auf unsinnige Weise mit Buchstaben vermischt – erst wenn man diese Zeichen innerhalb ihres neuen Zusammenhangs liest, ergeben sie Sinn. An nur wenigen Stellen in seinem Werk bemüht Theodor W. Adorno das Rebus, das Bilderrätsel, als Metapher. Dieser Verschwiegenheit zum Trotz organisiert die Technik dieser Rätselart wesentliche Texte Adornos und vergrössert sich zur Struktur einer neu entwickelten Erkenntnistheorie.

Gaëlle Burg: Merlin virtuose de l’énigme : de la devinaille à la parole obscure

Dans la mentalité médiévale, la recherche de la senefiance cachée derrière la semblance constitue un concept majeur. Mais l’énigme intervient également au plan diégétique comme le montre l’analyse d’un personnage tel que Merlin.En effet le héros est d’une part le devin, au sens littéral il est celui qui devine pour les autres en leur révélant de manière claire une vérité cachée ou des apparences trompeuses. D’autre part Merlin est aussi le prophète, celui qui devine tout en restant mystérieux. Entre parole éclairante et parole obscure, devinailles et prédictions dissimulées, le Merlin devin et prophète permet d’illustrer le thème de l’énigme à travers une littérature qui joue elle-même aux ‹devinettes›.

Andrea Sakoparnig: „Das ist ein Satz. Und das ein anderer.“ Überlegungen zum Begriff des Rätsels im Horizont literarischer Selbstbezüglichkeit

Jede Interpretation setzt an der Nicht-Selbstverständlichkeit eines Textes an, und ist damit an die Reflexion der Rätselhaftigkeit gebunden. Diese gründet in der eigensprachlichen Logik. Analysen ausgewählter Sätze von Oskar Pastior und Franz Kafka zeigen, dass ein genetisches Prinzip solcher Sprachlichkeit die das Verstehen irritierende Selbstbezüglichkeit ist. In kritischer Auseinandersetzung mit Überlegungen von Immanuel Kant bis Theodor W. Adorno wird ein erweitertes Verständnis dieser Kategorie entwickelt, das poetischen Phänomenen gerecht wird.

Rachel MagShamhráin: When Is a Riddle Not a Riddle? Reading Heinrich von Kleist’s 'Rätsel'

This article examines a ‘subspecies’ of the riddle found in the writ­ings of Heinrich von Kleist (1777–1811), proposing that these riddles are constructed to expose the linguistic nature of reality, outing language through language.

Charles de Roche: Fliege im eigenen Netz. Zur Enigmatik der Textur in zwei Gedichten von Gertrud Kolmar

Die Gedichte von Gertrud Kolmar sind in der Literaturwissenschaft vor allem als artistisch hochreflektierte Dokumente einer spezifisch weiblichen Schreibpraxis wahrgenommen worden. Die neuere Forschung hat demgegenüber mehrfach bemerkt, dass das reife poetische Werk Kolmars eine seiner mächtigsten Quellen im Rätsel hat. Die Textur dieser Rätsel diskutiert die anthropologischen Konstanten der herkömmlichen ontologischen Auffassung dessen, was ein Gedicht ist. Diesem Zusammenhang wird anhand einer genauen Lektüre der Gedichte „Arachne“ aus Tierträume und „Eisvogel“ aus Mein Kind nachgegangen.

Evi Fountoulakis: Enigma and “Unappeased Desire” in Henry James’s “The Figure in the Carpet”

“The Figure in the Carpet” deals with a riddle presented as a ‘secret of undecidability’ by the use of catachrestic figures and clues refer­ring to equally unavailable transcendent objects, hinting at the suspended relation between signifier and signified. It thereby refutes the long-held supposition that realist texts are unaware of their rheto­ricity. Literary procedures may appear as secrets whose con­tents lie behind an opaque screen, but James’s story reverts this by constantly (re)formulating a riddle whose elements lie patently open but nevertheless remain impenetrable.

Mathias Kundert: „Ein Stoff, der uns Rätsel aufgibt“. Friedrich Dürrenmatts Nachfragen zur Rätselhaftigkeit in „Das Sterben der Pythia“

Im vorliegenden Aufsatz werden die verschiedenen Ausprägungen des Rätselhaften in Friedrich Dürrenmatts „Das Sterben der Pythia“ nachgezeichnet – und als immanente Phänomenologie des Rätsels erkennbar –, indem das Votum vom „Ödipus“ als „Stoff, der uns Rätsel aufgibt“ in seiner Mehrdeutigkeit ausgefaltet wird. Das Rätsel zeigt sich dabei als Frage- und Appellstruktur, die erst in ihren diversen Ausgestaltungen (Orakelwort, Unbeantwortbarkeit Trans­zendentalität, Lügenhaftigkeit der Welt, Ankündigung einer neuen Wahrheit, dunkle Allegorie, Fragespiel, Lebensdimension) vollstän­dig ansichtig wird.

Uta Schürmann: Stumme Enigmen. Mehrdeutige Spuren und falsche Lösungen am fiktionalen Tatort

Die Literatur des 19. Jahrhunderts weist ein umfangreiches Korpus an Tatortbeschreibungen auf, von der Analyse des Fundorts einer Leiche in der Kriminalliteratur bis hin zur rätselhaften Präsenz eines Abwesenden in der Interieurbeschreibung realistischer Prosa. Ein Tatort ist ein Rätsel, das aus Spuren und Codes besteht. Doch trotz diesen eindeutigen Zeichen, die es erlauben, das von Spuren ‚beschriftete’ Interieur lesbar zu machen, gibt es immer wieder Beispiele von Fehldeutungen und falschen Fährten, die das „Spurenparadigma“ (Ginzburg) und die Lesbarkeit der Welt in Frage stellen.

Christian Villiger: Der Literaturwissenschaftler als Detektiv

Der Essay überprüft die These, dass sich die unterschiedlichen methodischen Paradigmen der Literaturwissenschaft durch ihnen zugrunde liegende generative Metaphern erklären lassen. Eine sol­che Metapher ist das Berufsbild des Detektivs, des Rätsellösers. Gefragt wird nach den Prämissen und Implikationen detektivischer Lektüren in der Literaturwissenschaft, besonders am Beispiel von Pierre Bayards „kriminalkritischen“ Studien, und nach der vielfältigen Rolle des Rätsels als Denk- und Orientierungskategorie im gegenwärtigen literaturwissenschaftlichen Diskurs.

Dominick LaCapra: Recent Figurations of Trauma and Violence. Tarrying with Žižek

Slavoj Žižek has arguably been the most influential as well as controversial theorist of the recent past. This essay examines one of the most important and contestable aspects of his work: his conception of violence that often involves an ethical and political apologia for it in disturbing terms, which construe it as inevitable and regenerative if not apocalyptic. This conception is bound up with Žižek’s view of the Lacanian “real” as a transhistorical void or trauma of sorts that points to the “monstrous” core of the human being and seems to intimate the necessity of violence. The essay also touches on the problem of how to read Žižek as both a “serious” theorist and as the court jester of late capitalism, and it ends with the dimension of Žižek that is more pragmatic and reasonable.

Ariane Lüthi: L’art de la variation : de la composition chez Milan Kundera

Dès La Plaisanterie (Žert, 1967),son premier roman traduit en français en 1968, Milan Kundera se sert de la variation comme principe de composition. L’auteur et la critique ayant fréquemment souligné cet emprunt structurel fait à la musicologie, le présent article interroge, à partir de la variation, aussi d’autres techniques de composition caractérisant cette œuvre. Alors que les écrits de Kundera se heurtent de nos jours à une certaine incompréhension, on se propose de démontrer que le principe de la variation, le travail du thème varié et développé par des procédés multiples, concerne l’ensemble de son œuvre. Somme toute, c’est la variation qui détermine l’unité romanesque.